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Klein, aber fein – Das Kemptener Burgfest (25.-26.8.2007)

[voraussichtlich in: Pax et Gaudium am 01.11.07]

von Dr. Andrea Rottloff

Zum dritten Mal in Folge fand am letzten Augustwochenende das Kemptener Burgfest statt. Idyllisch mitten in der Stadt direkt oberhalb der Iller gelegen, erhebt sich der schon in spätantiker Zeit besetzte steile Geländesporn der Burghalde. Heute befinden sich dort das Allgäuer Burgenmuseum, eine sehr kleine, aber ausgesprochen sehenswerte Sammlung zur Regionalgeschichte des Mittelalters; außerdem die städtische Freilichtbühne, die diesmal auch für Aufritte im Rahmen des Burgfestes genutzt werden konnte. Leider war der Eingangsbereich mit Kasse heuer an die unzugänglichste Ecke der Burghalde verlegt und konnte nur durch Erklimmen einer steilen Treppe erreicht werden – sehr zum Unmut der vielen Familien mit kleinen Kindern und Kinderwagen. Auch Senioren klagten über den „schwierigen Aufstieg“, so daß für nächstes Jahr dringend eine andere Lösung empfohlen wird.

Kern und ursprünglicher Schwerpunkt des Burgfestes ist der sogenannte „Mitmachbereich“, wo Kinder alle möglichen mittelalterlichen Handwerkstechniken wie Drechseln, Schmieden oder Filzen unter fachkundiger Leitung selbst ausprobieren konnten. Besonders das Schmieden eines eigenen Messers und das Drechseln auf der Wippdrehbank erfreuen sich wie jedes Jahr wieder großer Beliebtheit, so daß die zur Verfügung stehenden Termine im Nu ausgebucht waren – zumal dieses Jahr bereits Karten im Vorverlauf abgeben wurden. Außerdem wurden Bogenschießen und Kalligraphieren angeboten. Neben den „Mitmachschmieden“ zeigte zudem einer der besten Schmiede historischer Waffennachbauten, Arno Eckhardt von der „Traumschmiede“, sein Können. Für seine „Werkstatt“ war extra ein riesiger historischer Blasebalg mit Handbetrieb restauriert worden.

Das die Mitmachaktionen umrahmende Programm wuchs von Jahr zu Jahr, so daß diesmal lagernde Gruppen aus hochmittelalterlicher und spätmittelalterlicher Zeit vertreten waren. Das Hochmittelalter wurde repräsentiert von der ambitionierten „Ronsberger Ritterschaft“, die, wie auch die verschiedenen Spätmittelaltergruppen, durch hervorragend rekonstruierte Gewandung auffielen. Die Ronsberger boten Spielszenen aus allen Lebensbereichen des Hochmittelalters: geselliges Leben und Tanz (unter fachkundiger Leitung des Duos „Flaxdanz“, die zugleich Mitglieder der Ronsberger sind), aber auch eine Gerichtsverhandlung und ein Tavernenspiel. Das späte Mittelalter war vertreten durch die Tübinger Gruppe „Lebendige Schwertkunst“, die zusammen mit der Interessengemeinschaft „Fechtschul“ von André Schulze historisches Fechten nach Hans Talhoffer zeigte. Da das aus dem Jahr 1467 stammende Fechtbuch dieses berühmten Schwertmeisters derzeit in der fünfbändigen Buchreihe „Mittelalterliche Kampfesweisen“ einem breiten Publikum vorgelegt wird, war auch der herausgebende Verlag Philipp von Zabern mit einem Büchertisch vertreten (siehe http://www.mittelalterliche-kampfesweisen.de/). Zudem waren fast alle der in den Bänden aktivgewordenen Fachautoren der Reihe vor Ort.

Wolfgang Abart, der Leiter der „Lebendigen Schwertkunst“, demonstrierte und erklärte die wichtigsten Techniken des Historischen Fechtens, dessen Waffen beileibe nicht nur das Lange Schwert, sondern auch die Bauernwehr, die Halbarte, den Dussak und nicht zuletzt den Scheibendolch umfassen. Auch Hebel- und Wurftechniken wurden zum Gaudium des Publikums sehr anschaulich vorgeführt. Daß diese Techniken allesamt vergleichsweise unspektakulär daherkommen, mag nicht nur den Laien verblüfft haben – ist doch mit der zum passenden Zeitpunkt angewendeten richtigen Technik ein solcher Zweikampf in kürzester Zeit entschieden und erstreckt sich keineswegs über Minuten, wie uns unzählige Hollywood-Filme vorgaukeln wollen. Speziell diesen Unterschied zwischen Historischem Fechten und „Bühnenfechten“ illustrierte „Soldknecht“ Marcel Dorfer mit seinen Mannen von der „Compania Carantania“ aus Klagenfurt, die als „Verstärkungstruppen“ der „Fechtschul“ ebenfalls von weit her angereist waren.

Abwechslung von den „harten Kämpfen“ bot eine historische Modenschau, die anhand der anwesenden Gewandeten einen Überblick, aber auch Detailbeobachtungen zur Entwicklung der mittelalterlichen Mode vorstellte. Was trug im 13. Jahrhundert der Marktgraf von Ronsberg unter seiner Cotta, was seine Gattin? Wie erklärt sich die überreiche Farbigkeit spätmittelalterlicher Gewänder? Warum werden im 15. Jahrhundert auf einmal Fellverbrämungen populär? Und wie darf man sich die Gewandung eines Spielmannes des 13. Jahrhunderts vorstellen? Zu den für das Publikum überraschendsten Ergebnissen gehörte sicher, daß sowohl Holzschuhe als auch Strohhüte zur alltäglichen Kleidung der mittelalterlichen Menschen gehörten.

Umrahmt wurde die Veranstaltung von verschiedenen Musik- und Tanzdarbietungen, die teils von den Ronsberger Rittern, teils von der Renaissance-Tanzformation „La Danza Antica“ und der Instrumentalgruppe „Spaß bei Saite“ geboten wurden. Auch die Corvus-Corax-Epigonen von der „Beinhausmusik“ aus Sonthofen steuerten ihren Teil bei. Deren manchmal nicht ganz „stubenreine“ Texte erwiesen sich vor einem Publikum, das hauptsächlich aus Familien mit kleinen Kindern bestand, als nicht unproblematisch. Im hinteren Bereich des Burghaldeareals gab es zum Ausgleich eine weitere Attraktion für die kleinen Besucher: die Vorstellungen des Marionettentheaters „Die Schlampuzen“, die jedesmal für einen Besucherstau vor ihrem Stand sorgten. Im Gegensatz zu herkömmlichen Marionettenbühnen, bei denen man die Puppenspieler nicht zu Gesicht bekommt, traten hier beide Protagonisten offen in Gewandung auf die Bühne, um ihre Fadenwesen zum Leben zu erwecken. Eines davon, ein weißes Einhorn, begeisterte seine Zuschauer dadurch, daß es auch die Lippen und nicht nur die Beine mittels Fäden bewegen konnte. Auch der Märchenerzähler Tristan von Berlin entführte die Kleinen mit seinen Geschichten in ferne Welten.

Der Trommler der „Beinhausmusik“ war zugleich Betreiber eines Exotica-Standes, der neben allerlei Kunsthandwerk aus Afrika und Asien durchaus re-enactmenttauglichen Silberschmuck sowie Glasperlen und Bronzeanhänger im Angebot hatte. Die dargebotene Gewandung gehörte erwartungsgemäß eher in den Gothic- und Ethno-Bereich und weniger ins gelebte Mittelalter, trotz einiger weniger Gugeln. Mehrere Stände mit Holz- und Lederwaren rundeten das noch sehr kleine „Marktsortiment“ ab, das mit Sicherheit in den kommenden Jahren weiter ausbaufähig ist. Der Schwerpunkt soll, nach Angaben der Veranstalter, künftig speziell auf authentischer Darstellung, Living History, liegen, wozu es bereits Vorarbeiten gibt.

Erstmals war in diesem Jahr auch das Wetter dem Burgfest wohlgesonnen, so daß heuer niemand im Friesennerz durch Pfützen stapfend durchnäßte Burgfräulein und vor sich hinrostende Ritter betrachten mußte. Auch die Einbeziehung des Burghaldebiergartens in die Gastronomie war eine erwähnenswerte Neuerung, so daß man dem Kemptener Burgfest nur noch viele erfolgreiche Jahre wünschen kann – in der berechtigten Hoffnung, daß sich damit im Allgäu eine neue „Adresse“ für ernsthafte Re-enactors (und solche, die es werden wollen) etablieren kann. Der Anfang ist jedenfalls gemacht und die weiteren Planungen erscheinen vielversprechend.

 

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